Heute erschien auf der Webseite von
tagesschau.de ein Artikel namens "
Wieviel Kontrolle braucht das Internet?"
In diesem Artikel zitiert der Autor Herr Zirpins einen Hamburger "Internet-Experten" namens Bert Weingart, der für mehr Filter und bessere Kontrolle des Netzes eintritt. Diese Meinung kann man vertreten, so man sie denn entsprechend verargumentiert. Der Artikel beschränkt sich jedoch weitgehend darauf, die Meinung Herrn Weingartens wiederzugeben. Ganz am Schluß des Artikels schließlich gesteht Weingarten die Problematik seiner Vorschläge ein:
"Die derzeitige Anarchie im Internet ist in Ordnung für Menschen, die eine Medienerziehung genossen haben und damit umgehen können. Wir müssen aber medienunerfahrene Personen schützen", sagt er, und gesteht ein Problem ein: "Internet-Filterung kann durch entsprechende Administration zur Zensur werden."
Aber genau das schlägt er ja letztlich vor.
Interessant hingegen die Meinung des Waffenexperten der
Gewerkschaft der Polizei, Wolfgang Dicke:
"Wenn der Waffenkauf so einfach wäre, warum war Sebastian B. dann - zum Glück - so hundsmiserabel bewaffnet?"
Interessant, daß diese Meinung gerade von der GdP kommt, die ja sonst eher durch markige Sprüche ihres Vorsitzenden Konrad Freiberg auffällt, der stets für mehr Überwachung und mehr Kontrolle in allen Lebensbereichen eintritt.
Zusammengefaßt empfinde ich den Artikel als sehr tendenziös, weil er den massiven geschäftlichen Interessen des Bert Weingarten nach dem Mund redet. Hätte man mit
Kristian Köhntopp gesprochen, der wohl genausogut als "Internet-Experte" klassifiziert werden kann (oder mit Andrea Wardzichowski vom DFN-Verein oder mit einem anderen alten Hasen), so hätte Herr Zirpins mit Sicherheit einen anderslautenden Artikel geschrieben - wohlgemerkt: mit Argumenten hinterlegt statt mit Panikmache (und: handfestem Geschäftsinteresse).
Aber das paßt natürlich gut zu der
aktuellen Stern-Umfrage, daß ca. 59% der Bevölkerung a) einem Verbot von Egoshootern (gemeinhin "Killerspiele" genannt) und b) stärkerer Kontrolle und damit der Einschränkung bzw. dem Verlust von Bürgerrechten zustimmt. Ganze 72% sind danach der Meinung, daß Egoshooter zu dem Amoklauf von Emsdetten beigetragen haben - was auch immer das heißen mag.
Im
ZDF-Politbarometer hingegen sind sogar 72% der Befragten für ein Verbot von "Killerspielen" (Frage 9 von 11); allerdings sind nur 16% der Meinung, daß durch ein solches Verbot die Zahl gewaltbereiter Jugendlicher stark zurückginge, 49% weniger stark und immerhin 32% sind der Meinung, daß ein Verbot keinen Unterschied bewirkte. Diese Umfragewerte halte ich für bedenklich, zeigen sie doch, daß für komplexe Zusammenhänge nur einfache Lösungsansätze gefragt zu sein scheinen.
Zum Abschluß zitiere ich nochmals Herrn Weingarten:
"Die derzeitige Anarchie im Internet ist in Ordnung für Menschen, die eine Medienerziehung genossen haben und damit umgehen können. Wir müssen aber medienunerfahrene Personen schützen"
Ich stimmt dieser Aussage zu - allerdings sehe ich das Heil hier nicht in technischen Lösungen: wir sehen derzeit an vielen Beispielen der USA, daß Technologie nur begrenzt helfen kann. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Medienerziehung, insbesondere der heranwachsenden Generationen. Viele Eltern, Erzieher und Lehrer sind damit schlichtweg überfordert, weil sie selbst keine entsprechende Medienkompetenz besitzen.